08.02.2002 / Die Woche      

sonstiges

Und der Verlierer ist: Frankfurt am Main

High Potentials machen Karriere in London, München gewinnt an Bedeutung: "Mainhattan" gleitet ab in die zweite Liga.

von Sonia Shinde

Gerade noch mal gut gegangen, mag sich Frankfurts Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) gedacht haben: "Es wird keine schleichende Aushöhlung des Standortes Frankfurt geben", versprach Rolf-E. Breuer, noch Chef der Deutschen Bank. Aber was bedeutet das schon? Im Mai kommt "Jo" als neuer Mann an die Spitze von Deutschlands größtem Geldhaus. Der heißt zwar Josef Ackermann und ist Schweizer, lässt sich aber gern englisch rufen, selten in Frankfurt sehen und leitet das Geschäft lieber aus London.

"London und New York, das sind die Märkte, wo die großen Gewinne gemacht werden", sagt Thomas Heimer, geschäftsführender Dekan an der Hochschule für Bankwirtschaft in Frankfurt. "Insofern ist es möglich, dass die Deutsche Bank ihren Standort lediglich als Hülle in Deutschland belässt, aber die wirklich wichtigen Dinge woanders entscheidet." Unabhängig von Ackermanns Träumen beobachtet Heimer seit geraumer Zeit den Exodus der Finanzwelt vom Main, weil sie in neue Geschäftsbereiche vorstößt. "Früher brachte das Firmenkundengeschäft die meisten Gewinne, heute ist es das Investmentbanking, und das spielt in London", sagt er. Schlechte Zeiten also für Lokalmatadoren wie Oberbürgermeisterin Roth, die jetzt alarmiert "zur Stärkung des Finanzplatzes Frankfurt" aufruft. Aber die Stadt ist klein, piefig und unbedeutend im Vergleich zu den Finanzplätzen London und New York.

Dabei hatte vor drei Jahren alles so gut ausgesehen: Eintracht Frankfurt spielte in der Ersten Bundesliga, die Börse boomte, die Europäische Zentralbank eröffnete ihren Sitz am Main, die Deutsche Börse AG hatte erfolgreich die übrigen Regionalbörsen abgehängt, das Computersystem Xetra ersetzte mit Erfolg den größten Teil des Parketthandels. Und Werner Seifert, Chef der Deutschen Börse AG, träumte von einer Übernahme der London Stock Exchange (LSE).

Frankfurts Weg an die Weltspitze schien nichts mehr im Wege zu stehen. Die New Economy generierte Aktienmillionäre, der Neue Markt war das größte Wachstumssegment an Europas Börsen. "Damals gab es jede Woche mindestens ein großes Event", erinnert sich Nader Maleki, Präsident des International Bankers Forum. Büfetts mit 50 verschiedenen Gerichten, Einladungen nur auf feinstem Bütten - wer etwas auf sich hielt, mietete gleich ganze Museen für seine Veranstaltungen. "Die Devise hieß: immer weiter, immer höher; es war wie in einem Rausch", erinnert sich Maleki.

Heute ist der Neue Markt ein Synonym für "Geld verbrennen", hat die Wirtschaftskrise auch die Banken erreicht, stehen auf den Büfetts höchstens drei Gerichte zur Auswahl, und eingeladen wird auf simplem weißen Karton, höchstens einmal im Monat. Und Maleki hat seine Veranstaltungsagentur "jetzt breiter aufgestellt". Statt sich wie bisher auf Frankfurt zu konzentrieren, organisiert er jetzt auch Kongresse in München, der neuen heimlichen deutschen Finanzhauptstadt.

Denn nicht nur die Kicker der Frankfurter Eintracht spielen seit dem vergangenen Jahr in der Zweiten Liga. Auch die hochfliegenden Träume von Frankfurt als Phönix der Finanzmetropolen sind ausgeträumt. Die Fusion von Dresdner und Deutscher Bank platzte genauso wie die von Dresdner Bank und Commerzbank, 2001 fiel dann auch noch die Fusion zwischen Deutscher Börse und Londoner Stock Exchange ins Wasser. Und die einst krisensichere Bankbranche kämpft mit großen Schwierigkeiten: Bis 2003 sollen fast 30 000 Banker entlassen werden.

"Die Stadt hat es in den letzten Jahren nicht geschafft, die Banken wirklich in eine Art Netzwerk einzubinden", kritisiert Heimer. "In London trifft der Banker den Großindustriellen abends zwanglos beim Bier, in Frankfurt nicht. Durch die Internationalität an der Themse ist es überdies viel leichter, den hochrangigen Japaner von Nissan oder Toyota zu treffen, in Frankfurt ist der gar nicht erst präsent."

Auch für Finanzmarktexpertin Sofia Harrschar, deren Studie "Finanzplatzstrukturen in Europa" in den nächsten Wochen erscheint, ist London klarer Favorit. "Das liegt zum einen an der schieren Größe", sagt sie. Fast die Hälfte aller ausländischen Aktien wird in London gehandelt, Umsatz: rund 4021 Milliarden Dollar. In Deutschland ist es gerade einmal ein Achtel. Auch institutionelle Anleger bevorzugen die City. Nach einem Report von Thomson Financial ist das in London verwaltete Aktienvermögen mehr als siebenmal so groß wie in Frankfurt.

Zum Zweiten spielen auch Steuervorteile eine Rolle: Unternehmen müssen in England keine Gewerbesteuer zahlen, die Körperschaftsteuer ist viel niedriger und ausländische Kapitalerträge sind steuerfrei. Drittens sei der britische Arbeitsmarkt flexibler: "Dort ist es wesentlich einfacher, Mitarbeiter kurzfristig anzuheuern und zu entlassen." Und obendrein bietet London als europäischer Meltingpot gerade den heiß begehrten High Potentials viele Chancen: "In den Banken haben flache Hierarchien Einzug gehalten. Nur Wechsel bringen deshalb schnelle Karrieremöglichkeiten", so die Expertin. Und da hat London mit seinen 481 ausländischen Geldinstituten, 87 Fondsgesellschaften und 165 Investmentbanken die besseren Karten. Zum Vergleich: Frankfurt beheimatet gerade mal 13 Investmentbanken, neun Fondsgesellschaften und 243 ausländische Geldinstitute. Mehr als 600 000 Menschen arbeiten in der Londoner City im Finanzgewerbe, in Frankfurt gerade einmal ein Zehntel. "Wer an die Spitze will im Finanzgeschäft, geht nach London", sagt Sofia Harrschar.

Gute Nachwuchskräfte zieht es deshalb eher an die Themse als an den Main. Genauso wie ihre Arbeitgeber, zumal die Wirtschaftskaderschmieden London School of Economics und London Business School für hoch qualifizierte Absolventen bürgen. Für London spricht auch ein Bündel weicher Faktoren: Vor allem für amerikanische und asiatische Unternehmen fällt die Sprachbarriere weg. Und außerdem bestimmen die Amerikaner die Regeln im Investmentbanking, das ist ohnehin stark angelsächsisch geprägt.

London ist schnell, dynamisch und entschlossen, urteilen Experten, eben eher amerikanisch. In Deutschland sei alles viel lahmer. Und London ist exzellent in der Selbstdarstellung. Kaum waren die Umzugsgerüchte der Deutschen Bank im Umlauf, verständigten sich die Marketing-Experten der City auf eine einheitliche Anwerbestrategie für den potenziellen Neuzugang. "Von der Stadt Frankfurt kam da nichts", sagt Edgar Klein, Bankenexperte bei der Unternehmensberatung Deloitte Consulting.

Auch psychologisch hat die Themse-Stadt die Nase vorn: Lemminge-Effekt, nennt die Deutsch-Britische Stiftung für das Studium der Industriegesellschaft die Sogwirkung Londons. Finanzdienstleister bräuchten die Nähe zueinander, das Getuschel, das entscheide über Top oder Flop. Die Folge: "Alle wollen da sein, wo die anderen auch schon sind." Heißt im Umkehrschluss: Alle gehen dort weg, wo die anderen auch nicht mehr sein wollen. "London war immer die Nummer eins im internationalen Finanzgeschäft und wird es auch immer bleiben", sagt Commerzbank-Sprecher Peter Pietsch. "Bei Entlassungen wurde bei uns in London nie abgebaut", sagt er.

Aber Frankfurt könnte für den Übernahmekandidaten ohnehin bald nur noch eine Nebenrolle spielen: Angeblich hat die Münchener Rückversicherung Interesse an der Commerzbank. Damit würden dann neben Hypo-Vereinsbank und Dresdner Bank auch die Geschicke der viertgrößten deutschen Bank von der Isar aus gelenkt werden.

"München gewinnt zunehmend an Bedeutung", so die Einschätzung von Bankenexperte Klein. Und das nicht nur wegen der Konzentration an Hightech-Unternehmen und Risikokapitalgebern. Denn dort sitzt mit Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle der Hauptdrahtzieher der deutschen Finanzszene. Die Stadt hat aufgeholt gegenüber Mainhattan. Der Börsenwert der Dax-notierten Finanzunternehmen liegt deutlich über denen, die in Frankfurt residieren. Überdies verwalten die Münchner Konzerne zwischen Leopoldstraße und Englischem Garten mittlerweile mehr Geld als die Frankfurter Konkurrenz.

Düstere Aussichten also? Nicht ganz. Denn immer noch werden rund 85 Prozent der Umsätze aller deutschen Wertpapierbörsen am Main gemacht, nur 3 Prozent in München. "Zudem hat Frankfurt mit Xetra die derzeit beste elektronische Handelsplattform, die es gibt, da kann selbst London nicht mithalten", sagt Wolfgang Gerke, Professor für Bank- und Börsenwesen an der Universität Erlangen-Nürnberg. Auch die Europäische Zentralbank trage nicht unerheblich dazu bei, dass Frankfurt immer noch "gute Aussichten habe, ganz nah an London heranzukommen", genauso wie der Neue Markt.

Und die Kurseinbrüche und die etwa 50 abgesagten Neuemissionen im vergangenen Jahr? "Es kommen auch wieder andere Zeiten", sagt er. Die Hoffnung stirbt eben immer zuletzt.

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