14.06.2001 / Teleboerse      

Banken/Versicherungen

Verwirrende Vielfalt

Im Internet konkurrieren zahlreiche Zahlungssysteme. Ein Standard ist nicht in Sicht - zum Ärger von Händlern und Kunden.

von Alexandra Kusitzky und Volker Müller

Hermann-Josef Lambertis Geduld war irgendwann dann doch zu Ende. Vier Jahre lang hatte die Deutsche Bank versucht, Vorstand Lamberti vorneweg, mit E-Cash ein System digitaler Münzen für den kleinen Online-Handel durchzusetzen. Am 25. Mai 2001 nun schaltete die Bank das Zahlungssystem ab - mangels Interesse: Gerade einmal 40 Händler akzeptieren die digitalen Münzen, die für Beträge bis zu zehn Mark gedacht waren. E-Cash erlitt damit das gleiche Schicksal wie schon fünf Monate zuvor der Konkurrent Cybercash: den digitalen Tod.

Überraschend kam das Ende nicht. Eigentlich sollten beide Systeme das Einkaufen im Netz vereinfachen, sollten das schnelle, bequeme Bezahlen von Musik, Aktienanalysen, Zeitungsartikeln oder Software ermöglichen - mit Beträgen bis zu zehn Mark. Doch Cybercash und E-Cash waren für den Nutzer ein purer Krampf: Ohne eine spezielle Software auf dem eigenen Rechner lief nichts. Installation und Bedienung überforderten manchen Nutzer schlichtweg. Zudem mussten sie die E-Münzen stets im voraus kaufen, ähnlich einer Guthabenkarte. Das aber lehnt die Mehrzahl der Surfer kategorisch ab.

Frühes Todesurteil

Die Pleite der beiden in den USA entwickelten Systeme hatten Experten bereits früh vorausgesagt. Bereits im Februar 2000 sprach Knud Böhle vom Institut für Technikfolgenabschätzung in Karlsruhe in der Telebörse das Todesurteil: "Cyber-Geld hat am Markt keine Chance." In einer Studie für die EU-Kommission über Web-Zahlverfahren hatte er kurz zuvor Systemen, die über die Telefonrechnung funktionieren, sowie den klassischen Zahlungswegen die besten Chancen zugesprochen.

So setzen alle am Markt verbliebenen Systeme auf den Bankeinzug, die Kreditkarte oder die Telefonrechnung. Die einzelnen Beträge werden dabei bis zum Monatsende addiert und in einer Summe beglichen. Der Durchbruch ist allerding noch keinem System gelungen. "Firstgate, Cybercoins, Paybox, Telebilling - der Markt ist zersplittert, kaum ein Web-Nutzer kennt die Systeme. Mit einem Satz: Es fehlt ein Standard", bedauert Anja Glos, Internet-Expertin des Marktforschers Forrester Research.

Aufwand für Kunden

Die Idee des Micropayments, Kreditkarte und Lastschriftverfahren bei Minibeträgen zu ersetzen, ist überzeugend, die Realität hingegen abschreckend: Händler und Kunden stehen vor einen Flickenteppich konkurrierender Systeme. "Der Kunde muss sich zurzeit bei einer Vielzahl von Systemen registrieren. Das ist mit Aufwand verbunden und stößt auf Sicherheitsbedenken", sagt Stephan Lindner, Fachmann für Informationstechnik bei der Unternehmensberatung Accenture. Zudem müsse der Händler mehrere Systeme in seinen Online-Shop integrieren - oder auf einen Teil der Kunden verzichten. Nur wenn ein System obsiegt oder die Systeme untereinander kompatibel werden, werde sich Micropayment durchsetzen.

Doch oft sind es die Betreiber der Zahlungssysteme selbst, die ihren Markterfolg verhindern. So verlangt etwa Firstgate von Online-Händlern 40 Prozent des Umsatzes als Provision - ein Schlag unter die Gürtellinie, der jede kaufmännische Kalkulation zunichte macht. Viel Komfort erhält er für diesen Preis nicht: Die Integration des Zahlungssystems in seinen Webshop muss der Händler selbst leisten.

"Auch wenn der eine oder andere Nutzer sich über Probleme bei der Registrierung beschwert: Wir sind mit Firstgate sehr zufrieden", sagt hingegen Christian Persson, Chefredakteur von Heise-Online, dem Internet-Ableger des Computerfachverlags Heinz Heise. Zahlen, wie viele Surfer mit Firstgate Artikel aus dem Archiv der Zeitschriften "c't" und "iX" bezahlen, möchte Persson aber nicht nennen.

Auf dem falschen Weg

Umsatz-Giganten wie Amazon setzen auf eigene Zahlverfahren; an fremden Lösungen hat die US-Firma auch in Deutschland kein Interesse. "Wir entwickeln eigene Systeme", sagt eine Sprecherin. Etwa das "Amazon Honor System". Darüber können auch andere Händler ihre Waren abrechnen - zu günstigen Konditionen. Allerdings bietet Amazon das System vorerst nur in den USA an.

Wahrscheinlich sind die bisherigen Ansätze, Web-Zahlungssysteme zu etablieren, einfach falsch, unken Experten inzwischen. Statt bei den Kunden oder Händlern anzusetzen, sollten eher die Internet-Provider wie AOL, T-Online oder Freenet im Mittelpunkt stehen. Sie stellen jeden Monat ihren registrierten Kunden bereits eine Rechnung für den Online-Zugang - die ideale Basis, einfach und sicher auch online gekaufte Waren abzurechnen.

"Alle Versuche, an den Providern vorbei ohne existierende Kundenbasis selbst ein System zu etablieren, einen Kundenstamm und eine Händlerbasis aufzubauen, sind bei den Zahlungssystemen gescheitert", sagt Accenture-Experte Lindner. Als Alternative bleiben den Deutschen die "Smartcards", Karten mit Chip wie etwa die Geldkarte oder moderne Kreditkarten, urteilen die Experten von Forrester Resarch. Smartcards bieten höchste Sicherheit und anonymen Einkaufsspaß, benötigen aber einen Kartenleser am heimischen PC.

"Hinter diesen Karten stehen große Banken, Sparkassen und Kreditkartenfirmen. Das schafft Vertrauen und hilft, sie zu einem Massenzahlungsmittel im Internet zu machen", glaubt Forrester-Expertin Anja Glos. Deutsche-Bank-Vorstand Lamberti dürfte inzwischen Zweifel an der Prognose anmelden: Auch hinter Cybercash und E-Cash stand die erste Garde der Banken - Commerzbank, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Hypo Vereinsbank und Postbank. Vergebens.


Systeme im Überblick

Firstgate
Merkmale: Lastschriftverfahren. Firstgate sammelt ähnlich den Kreditkarten alle Ausgaben und zieht diese am Monatsende zusammen ein. Mit Firstgate können Waren von zehn Pfennig bis zehn Mark bezahlt werden.
Funktion: Firstgate erfordert eine Anmeldung. Der Nutzer erhält eine Kennung und ein Passwort. Mit beiden kann er dann in Online-Shops bezahlen. Ein Limit besteht nicht. Bei hohen Summen zieht Firstgate jedoch einen Abschlag vorzeitig ein. Auf der Firstgate-Internet-Seite können sich Nutzer über ihren Kontostand informieren.
Adresse: www.firstgate.de

Paybox
Merkmale: Bezahlen von Käufen per Mobiltelefon - ob im Internet oder der Ladenpassage. Abbuchung erfolgt über das Girokonto. Bei Paybox bleibt der Kunde anonym. Die Besonderheit: Überweisungen von Handy zu Handy.
Funktion: Der Händler übermittelt den Kaufpreis an die Paybox-Zentrale. Diese ruft den Kunden an und bittet ihn, die Summe mit einer vierstelligen PIN zu bestätigen. Jetzt überweist Paybox den Kaufbetrag an den Händler. Die Zahlung dauert etwa 30 Sekunden. Das System funktioniert in allen Mobilfunknetzen.
Adresse: www.paybox.de

Net900
Merkmale: Abrechnung von Online-Einkäufen über die Telefonrechnung (zurzeit nur über die Deutsche Telekom) oder ein Girokonto. Der Kunde bleibt beim Bezahlen für den Händler anonym.
Funktion: Nutzer müssen ein spezielles Programm installieren. Die Net-900-Software beendet beim Einkaufen die reguläre Internet-Verbindung und stellt einen neuen Netzzugang her. Über diese Verbindung wird abgerechnet - so können die Kosten auf der Telefonrechnung separat ausgewiesen werden. Nach dem Kauf stellt Net 900 die vorherige Netz-Verbindung wieder her.
Adresse: www.net900.de

Paysafecard
Merkmale: Guthabenkarte zum Einkaufen im Internet. Der Kunde bleibt anonym - als wenn er mit Bargeld bezahlt. Karten gibt es zu 50 oder 100 Mark. Besonderheit: Spezielle Karten für Jugendliche, die auf bestimmten Seiten, etwa von Sex-Anbietern, gesperrt sind.
Funktion: Besitzer der Paysafecard rubbeln auf der Rückseite einen 16-stelligen Zahlencode frei. Diesen Code geben sie beim Online-Händler ein. Ein Rechner prüft, ob die Karte noch gedeckt ist und zieht die entsprechende Kaufsumme ab. Ein Passwort sorgt für zusätzliche Sicherheit.
Adresse: www.paysafecard.de

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