06.01.2009 / Spiegel Online      

sonstiges

Einmal hupen, bitte

Nicht mehr lange, dann wird Indien einer der drei größten Automärkte der Welt sein. Eine Freude für Hersteller. Ein Grauen für lärmempfindliche Menschen. Im Land ertönt schon heute das größte Hupkonzert der Welt. Kein Wunder: Das Signalhorn erset

von Volker Müller

Seit zwei Wochen besitzt Sundeep Shah ein neues Auto. Ein einheimisches Fabrikat, in weiß. Der Mann und sein Wagen sind indische Mittelklasse. Zwei rote Banderolen, vom Autohändler in V-Form über die Motorhaube gespannt, künden vom Neuerwerb. Das soll jeder seiner Nachbarn wissen. Zwei kurze Stöße informieren jeden Morgen über Shahs bevorstehende Abfahrt im neuen Auto. Zwei weitere Stöße ersetzen den Blinker beim Verlassen der Parklücke, ein langgezogenes Signal warnt die Nachbarn, jetzt nicht die Straße zu betreten und sich unnötig in Gefahr zu bringen.

Die Hupe ist die Allzweckwaffe des indischen Autofahrers. Sie wird abgefeuert zum Abbiegen, Bremsen, Anfahren, Beschleunigen, Spurwechsel, zur Warnung, zur Freude, zu Begrüßung, zum Abschied. Keine Stadt ist lauter. Schon schreibt der Polizeichef Delhis verzweifelte Aufrufe im Internet, doch endlich weniger zu hupen: In anderen Ländern sei exzessives Hupen eine Straftat, unbelehrbare Huper landeten im Knast. „Die Hupe ist für echte Notfälle gedacht, nicht zum Ã"rgern anderer Verkehrsteilnehmer“, klagt T.K. Malhotra.

Aber Gefahr herrscht in der Stadt, in der ein Drittel aller indischen Autos zugelassen sind, eigentlich immer. In diesem Jahr sind allein von den Linienbussen der Stadt 110 Menschen überfahren worden. „Horn please“ heißt es in bunten Lettern auf der Ladeklappe jedes Lastwagens, jedes Busses, jeder Rikscha. Das erspart dem Fahrer den Blick in den Rückspiegel. Er fährt, wie es ihm gefällt. Zwischen allen Fahrspuren oder auf dem Fußweg, biegt gedankenverloren ab ohne zu Gucken, parkt auf der Kreuzung oder Autobahn â€" bis jemand hupt. Nicht einmal. Nicht zweimal. Eher ausdauernd. 10 Sekunden, 15 Sekunden, 20 Sekunden. Alles andere wird ignoriert.

Shah hält sich daran: Er hupt schon wieder. Auf der gefürchteten Ring Road Delhis ruht mal wieder der Verkehr â€" und Shah steht ganz am Ende des Staus. Er hupt seinen Vordermann an. Energisch. Rhythmisch. Ohne Nachlaß. Möge dieser endlich den Weg frei machen und ihn durchlassen. Wie? Egal! Nicht Shahs Problem. Soll der Vordermann doch seinen Vordermann anhupen. Und der wiederum seinen.

Rücksicht ist im Hupkrieg keine Tugend, Drängeln schon. Jeder gewonnene Zentimeter Asphalt ist ein nicht mehr zu nehmender Sieg. Ist die Lücke auch noch so klein, sie wird hupend erobert. Und stockt der gesamte Verkehr dadurch erst recht â€" macht nichts, schließlich ist wenigstens ein Fahrer einen Meter vorangekommen. Shah versteht nicht, was daran verkehrt sein könnte.

Zum 1. Januar hat Delhis Polizei nun zum hupfreien Tag ausgerufen â€" um das neue Jahr friedlich zu begrüßen und nach durchböllerter Nacht die Nerven der Einwohner zu schonen. Vielleicht hörte Sundeep Shah dann auch wieder die Sirenen des Rettungswagens, der seit Minuten heulend und blinkend wie ein Christbaum hinter ihm steht. Es interessiert ihn nicht. Eine Rettungsgasse zu bilden, zur Seite zu fahren oder zu Stoppen, um einem lebensgefährlich Verletzten die rasche Ankunft im Hospital zu ermöglichen, kommt Indern nicht in den Sinn: Er könnte im Kampf um den nächsten Zentimeter Asphalt unnötig zurückfallen. Shah hupt lieber noch einmal.

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