aus: Rheinischer Merkur
vom: 23.12.2004
E-Mail   Drucken 

War da wirklich was?

NEUE HEIMAT: Vor gut 20 Jahren kam der Konzern mit einem Skandal in die Schlagzeilen. Die Wohnungen gibt es noch, das Imperium nicht mehr.

von Sonia Shinde

"Das war schon ein Schock damals", sagt Egon Bauersfeld, Gewerkschaftsmitglied und Mieter von drei Zimmern, Neue Vahr Süd in Bremen. Seit 1960 lebt der heute 71-Jährige in 60 Quadratmetern Neuer Heimat, jenes Gewerkschaftskonzerns, der 1982 zerschlagen wurde. 108 Mark zahlte die Familie damals für ihr Domizil "mit Bad in der Wohnung und Einbauküche – damals eine Seltenheit", erinnert er sich stolz. Heute kostet sie ihn 360 Euro – das ist immer noch günstig.

Den Skandal hat er längst vergessen, heimatlos wurde das SPD-Mitglied dadurch nicht, auch nicht politisch, sagt er. Denn Bremen hatte ja nichts zu tun mit den Machenschaften der Neue-Heimat-Vorstände Albert Vietor, Georg Bamberg, Harro Iden und Wolfgang Vormbrock, die sich durch Scheingeschäfte auf Steuerzahlers und Mieters Kosten bereichert hatten. Ihre Finanzschiebereien läuteten das Ende des größten Wohnungsbaukonzerns Europas ein.

Der Konzern überlebte den Skandal nicht, doch Egon Bauersfeld lebt immer noch in derselben Wohnung, auch wenn der Vermieter inzwischen Gewoba heißt. Im dreistöckigen Wohnblock wohnen noch drei oder vier Familien von damals, als er einzog, aber das Viertel sei "internationaler geworden", sagt Bauersfeld und meint die Russlanddeutschen und Türken, die zunehmend in die Neue Vahr Süd ziehen.

So wie Bauersfeld erging es zu Zeiten der Konzernabwicklung den meisten Mietern: Kündigungen gab es keine. Denn das Gros der Wohnungen kauften die Länder. "Wir haben noch haufenweise alte Mietverträge", sagt Werner Teetz, Ex-Geschäftsführer der Neuen Heimat Bremen und bis zum Januar diesen Jahres Vorstand der Nachfolgegesellschaft Gewoba, die mehrheitlich dem Stadtstaat gehört. 45 Jahre hat Teetz dort gearbeitet, die Krisen gemeistert und zumindest, genauso wie meisten Neue-Heimat-Angestellten, den Job behalten, trotz Sanierung.

"Natürlich war das Vertrauen erst mal weg", erinnert er sich, "und dann war wenig Geld da für die Instandhaltung, weil die Banken mit Krediten zögerten, aber Ende der Achtziger ging es glücklicherweise wieder bergauf im Wohnungsbau." Zu Neue-Heimat-Zeiten waren rund 95 Prozent der Bremer Wohnungen Sozialwohnungen. Heute sind 90 Prozent frei finanziert. Trotzdem seien die Mieten eher moderat gestiegen, sagt er. Im Schnitt nimmt die Gewoba rund 4,60 Euro Nettokaltmiete je Quadratmeter, das ist wenig und verrät noch ein bisschen vom politischen Idealismus der Neue-Heimat-Gründerzeit. Entstanden war die spätere Neue Heimat bereits 1926 aus der Arbeiterbewegung. Als Gemeinnützige Kleinwohnungsbaugesellschaft Groß-Hamburg (GKB) sollte sie bezahlbare Wohnungen für Einkommensschwache schaffen. Gleichgeschaltet im Dritten Reich und umbenannt in Neue Heimat, beschlagnahmten die Alliierten nach dem Krieg Häuser, Grundstücke und Vermögen als Nazi-Besitz.

1950 ist die Neue Heimat wieder da, baut mehr als eine halbe Million Wohnungen, engagiert sich vor allem im Wiederaufbau und errichtet in den sechziger und siebziger Jahren Universitäten, das Klinikum Aachen und das Hamburger Kongresszentrum. Da war die Neue Heimat mit ihren Sparten Gemeinnützige Wohnungs- und Siedlungsgesellschaft und der kommerziellen Neue Heimat Städtebau (NHS) längst zum Moloch geworden, ein undurchschaubar ineinander verschachtelter Konzern mit rund 150 Einzelfirmen. "Aber in den siebziger Jahren hatte sich der Wohnungsmarkt verändert", sagt der Wirtschaftshistoriker Andreas Kunz, der die "Akte Neue Heimat" gründlich dokumentiert hat. "Es wollte niemand mehr in 50-Quadratmeter-Wohnungen leben." Der Markt brach ein, die Finanzen auch, am Ende standen 500 Millionen Mark Schulden.

"Wir haben Bremen nach dem Krieg mit aufgebaut", sagt Ex-Neue-Heimat-Gewoba-Chef Teetz, und er klingt immer noch ein bisschen böse. "Aber plötzlich kriegten wir kein Geld mehr von den Banken", und das, obwohl die Neue Heimat jahrelang als Vorzeigeschuldner galt. Dann kamen die Machenschaften von Vietor und Co. ans Licht und die Banken machten dicht. "Wir waren auch die Jahre nach dem Skandal oft am Rande des Konkurses", sagt Ex-Gewoba-Vorstand Teetz. Am meisten aber trifft ihn heute noch das Verhalten der Gewerkschaften: "Die haben uns damals im Stich gelassen", schimpft er. In der Tat, ein 1986 diskutiertes Stillhalteabkommen mit den Banken scheiterte, und die Gewerkschaften forcierten den Einstieg privater Investoren. Am Ende sollte die Neue Heimat für eine Mark an den Berliner Bäcker Horst Schiesser verramscht werden. Ein Eigentor, der Verkauf ging daneben und musste nach 43 Tagen rückabgewickelt werden.

Hätten die Gewerkschaften die Krise zwei Jahre länger ausgesessen oder die Banken mehr Geduld gehabt, würde es die Neue Heimat heute vielleicht noch geben. "Im Grunde hat die Kohl-Regierung die Sanierung dadurch vereitelt, dass sie den Fall zu einem Politikum gemacht hat", urteilt Wirtschaftshistoriker Kunz. "Keine Bank steckt Geld in ein Unternehmen, das so mit Negativschlagzeilen behaftet ist." Eine wirtschaftliche Sanierung sei durch die Untersuchungsausschüsse bis 1987 unmöglich gewesen.

Als sich 1988 der Immobilienmarkt zu erholen begann, war es für die Neue Heimat zu spät. Bis 1990 war das einst größte europäische Wohnungsbauunternehmen abgewickelt. Die 40 000 Wohnungen der Neuen Heimat Bremen gingen an das Land und werden seitdem von der Gewoba verwaltet, fast genauso viele wurden von den Landesregierungen in Berlin, NRW und Hamburg aufgekauft. In Bayern und Baden-Württemberg stiegen private Investoren ein, und in Schleswig-Holstein wurden die Wohnungen teilweise an die Mieter veräußert. Die Gewerkschaften selber behielten die Neue-Heimat-Wohnungen in Niedersachsen, weil sich kein Käufer fand.

"Vor allem für die Länder und die Privatinvestoren in Bayern und Baden-Württemberg hat sich das Geschäft gelohnt", urteilt Ex-Gewoba-Vorstand Teetz. Auf der Strecke geblieben sind die Ideale. "Den überregionalen sozialen Wohnungsbau gibt es seit der Zerschlagung nicht mehr", so das Fazit von Historiker Kunz.


Zum Weiterlesen:
- Andreas Kunz: Die Akte Neue Heimat. Campus Verlag, Frankfurt/Main 2003. 2 Bände, 1042 Seiten, 49,90 EUR.

Alle Rechte an diesem Text vorbehalten. Möchten Sie diesen Text speichern, veröffentlichen oder in beliebiger anderer Form nutzen, nehmen Sie bitte vorher mit mir Kontakt auf.